Hohe Energiepreise und Sorgen um die Versorgungssicherheit führen zu einer starken Nachfragesteigerung von Solaranlagen. Der Branche fehlt es aber an Fachkräften, wie an der Nationalen Photovoltaik-Tagung klar wurde. Ab 2024 soll nun eine EFZ-Ausbildung im Bereich Photovoltaik an den Start gehen.

Nun ist eingetroffen, worauf die Solarbranche während Jahrzehnten hingearbeitet hat: Die Nachfrage nach Photovoltaik-Lösungen geht nämlich gerade durch die Decke. Die für die Abwicklung der Förderprogramme zuständige Pronovo AG nahm im ersten Quartal Anmeldungen für eine Leistung von 65 MW Solarstrom entgegen, das waren satte 60 Prozent mehr als in der gleichen Vorjahrsperiode. Es gab also an der 20. Nationalen Photovoltaik-Tagung in Bern vom Ende März nicht nur die Jubiläumsausgabe des traditionellen Branchen-Anlasses zu feiern. Doch der Boom hat Schattenseiten. Gravierend ist der Mangel an geeigneten Fachkräften, welche die Transformation der Schweiz ins anstehende Solarzeitalter vollziehen sollen.

Sinnstiftende Berufe

Bundesrätin Simonette Sommaruga an der PV-Tagung.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist privat selbst Besitzerin einer Solaranlage. Sie wisse aus eigener Erfahrung, wie wichtig eine gute Beratung und eine gute Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und Handwerksleuten sei, sagte sie an der zweitägigen Tagung im Berner Kursaal in ihrer Eröffnungsrede. Es dürfe nicht sein, dass jetzt, wo die Bevölkerung auf Photovoltaik setzen wolle, die Branche nicht bereit sei. Sie machte dieser Mut und sagte ihr die Unterstützung bei der Rekrutierung von neuen Fachkräften zu: «Ihre Berufe sind sinnstiftend und hochattraktiv». Sommaruga wies die rund 600 anwesenden Teilnehmenden zuvor auf die schwierige aktuelle geopolitische Weltsituation hin. Die Nachteile der grosse Auslandabhängigkeit von Gas und Öl seien deutlich sichtbar geworden. «Von dieser Abhängigkeit müssen wir rasch wegkommen!» Der Bund passe die politischen Rahmenbedingungen schnell an, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu ermöglichen. Das sich in der Vernehmlassung befindende «Beschleunigungsgesetz» soll weitere Anreize und Vereinfachungen für den Ausbau der Photovoltaik bringen. Ab dem nächsten Jahr ist zudem eine neue gesetzliche Grundlage aufgrund der Parlamentarischen Initiative Girod in Kraft, die unter anderem hohe Einmalvergütungen für grosse Solarstrom-Anlagen ohne Eigenverbrauch mit Auktionssystem vorsehen. «Damit wissen alle, wie die Förderung bei der Photovoltaik in den nächsten Jahren aussieht», sagte die Bundesrätin. Das schaffe die von der Branche geforderte Planungs- und Investitionssicherheit.

Klagen über zu viel Bürokratie

An der Tagung informieren sich vor allem auch die Leute aus der Praxis über die aktuellen Entwicklungen in der Branche, sofern sie überhaupt Zeit hatten nach Bern zu reisen. Denn viele werden zurzeit von Anfragen richtiggehend überflutet. Von der stressigen Situation zeugt eine Umfrage von Swissolar bei ihren Mitgliedern, die eine deutliche Zunahme von nicht beantworteten Endkundenofferten zeigte. Für Unmut sorgt in der Branche der zunehmende administrative und bürokratische Aufwand. «Dieser ist mittlerweile etwa gleich hoch wie die Montage der Anlage», sagte Beat Ritler im Rahmen des Podiumsgesprächs. Der Geschäftsführer der Solartechnik-Anbieters RESiQ AG lieferte gleich noch ein entsprechendes Beispiel aus seinem Arbeitsalltag nach: Beim Bau einer Photovoltaik-Anlage in Köniz habe der Bauherr nachträglich entschieden – zur bereits genehmigten Platzierung von Modulen links und rechts auf dem Dach – noch vier Module zusätzlich an der Lukarne anzubringen. Dem Bauverwalter reichte die erfüllte Informationspflicht dann aber nicht mehr und er verlangte ein ordentliches Bewilligungsverfahren. «Der Bauherr musste 27 Unterschriften in der Nachbarschaft einholen und zusätzlich ein Nachweis für die Erbebensicherheit der Anlage erbringen.» Ähnliches erlebt GLP-Nationalrat und Swissolar-Präsident Jürg Grossen in der Praxis. Hier sei aber das Engagement der Installateure und Planer in den Verwaltungen der Gemeinden gefragt, wie das in Demokratien halt der Fall sei, sagte er auf dem Podium. «Das kann man nicht an den Bund delegieren». An gleicher Stelle nervte sich Michael Frank, Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), über den Widerstand bei alpinen Solaranlagen. Diese wären ein Mittel, um absehbare Winterstrommangellagen zu verhindern. Womit man beim Thema Versorgungssicherheit angelangt war. 

Respekt vor der Strommangellage

Bei der Versorgungssicherheit habe man die letzten Jahre verpasst, mittelweile sei es aber das Topthema, sagte Michael Frank. Der Krieg in der Ukraine sei ein weiterer «Gamechanger», welche nun die geopolitischen Abhängigkeiten zusätzlich in die Diskussion über mögliche Strommangellagen ins Spiel bringe.  «Wir brauchen einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien, aller möglichen Speicher und eine Verbesserung der Effizienz.» Es brauche zudem resiliente und moderne Netze und vor allem viel weniger «Bedenkenträger». Der Weg sei aber keine Panoramastrasse nach Ballenberg.

Als hindernd beim Ausbau von Photovoltaik bezeichnet die Solarbranche immer wieder die bestehenden technischen Hürden bei der Netznutzung. So sei es unsinnig, wenn Strom vor Ort in einem Quartier verbraucht werde ohne obere Netzebenen zu tangieren aber trotzdem den üblichen Tarif bezahlen werden müsse, fand Jürg Grossen. «Nur wer Strom vom Netz bezieht, soll den vollen Preis bezahlen». Die Netz- und Energietarife in der Schweiz seien tatsächlich aus dem letzten Jahrtausend, antwortete VSE-Geschäftsführer Frank. Sein Verband setze sich seit Jahren für mehr Liberalisierung ein. Klar sei, dass es kein Gratis-Netz geben könne. Aber er könne sich vorstellen, dass die Lasten über angebotsorientierte Preisgestaltungen gesteuert werden könnten. Daniel Büchel, Programmleiter von EnergieSchweiz gab allerdings zu bedenken, dass das Ganze eben neben der wirtschaftlichen vor allem auch eine politische Komponente habe. Das zeige sich nicht zuletzt bei den Pumpspeicherkraftwerken, die keine Netzentgelte bezahlen müssten, was von der Solarbranche seit langem als diskriminierend empfunden wird.

Plötzlich wollen alle PV-Anlagen bauen.

Das Ende der Wartelisten

In den letzten Jahren musste die Bauherrschaft von Photovoltaikanlagen oft lange auf die Fördergelder warten, mit entsprechender investitionshemmender Wirkung. Diese Zeiten sind nun vorbei: «Die Warteliste für Photovoltaik ist komplett abgebaut», sagte Wieland Hintz vom Bundesamt für Energie (BFE). Er rechnet in diesem Jahr mit einem Zubau von 600 MW Leistung bei der Photovoltaik. Das sei 50 Prozent mehr, als jährlich nötig wäre, um die in der Energiestrategie 2050 angestrebten 11,4 TWh Strom pro Jahr aus erneuerbaren Energien bis ins Jahr 2035 zu erreichen. Der Bund sei also bereits mit den bestehenden Fördermassnahmen auf Kurs. Mit dem nun beschlossenen weiteren Ausbau der finanziellen Anreize werde der Zubau noch einmal deutlich zunehmen. «Dann sind wir gar nicht mehr weit entfernt, von den von Swissolar bis 2050 angestrebten höheren Werten», sagte Hintz. Er wies zusätzlich auf die revidierte Raumplanungsverordnung hin, die bereits ab dem 1. Juli erleichtertes Bauen in Zonen ausserhalb der Bauzonen beispielsweise auf Fassaden, Staumauern, Lärmschutzwänden oder künstlichen Seen vorsieht. Zudem sollen in bestimmten Fällen Anlagen auf Landwirtschaftsflächen – beispielsweise über Beerenkulturen – möglich sein. Eher kritisch betrachtet Hintz alpine Grossanlagen auf Freiflächen mit Fokus Winterstromproduktion, da diese mit Kosten von 3000 bis 4000 Franken pro Kilowatt Leistung zu teuer seien. Das sei im Flachland günstiger machbar.

Dafür gibt es ja neu auch einen zusätzlichen Beitrag für Anlagen mit einem Neigungswinkel von mindestens 75 Grad, weil diese im Winterhalbjahr mehr Strom produzieren.

Hohe Energiepreise wirken

Vertreter der Verwaltung erklären den aktuellen Boom gerne mit den effizient eingesetzten Fördermitteln. Doch als eigentliche Treiber gelten die in den letzten Monaten explodierenden Stromkosten und das neu erweckte Bewusstsein bei der Versorgungssicherheit oder der zunehmenden E-Mobilität. Die Situation sieht in vielen Regionen Europas ähnlich aus, wie die Videobotschaft der österreichischen Photovoltaic Austria – Geschäftsführerin Vera Immitzer zeigte. Der Strompreis sei dort in einem Jahr um das Fünffache gestiegen, was zu einer unglaublich hohen Nachfrage geführt habe. Wie in der Schweiz kämpften ihre Mitglieder aber mit dem Fachkräftemangel. Dieser gehört für Swissolar-Geschäftsführer David Stickelberger eindeutig zu den drängendsten Herausforderungen, neben steigenden Materialkosten und der ungünstigen Margensituation bei den Mitgliedbetrieben. Bis 2050 rechnet er mit einem zusätzlichen Bedarf von 15’000 Stellen in der Solarbranche. Doch in seinem Referat hatte Stickelberger auch Positives zu berichten. So sei man bei den ab 2030 geplanten jährlichen Zubau-Leistungen von 2 GW auf Kurs. Allerdings brauche es hier noch weitere gesetzliche Anpassungen, wie beispielsweise eine einheitlich geregelte Abnahmevergütung bei Solarstrom durch die Elektroversorgungsunternehmen. Dafür erhielt Stickelberger Sukkurs von CKW-Geschäftsführer Martin Schwab, der sich in seinem Referat für einen einheitlichen über den Netzzuschlag finanzierten Abnahmepreis aussprach.

EFZ-Ausbildung in Pipeline

Fachkräfte-Bedarf in der Schweizer Solarbranche (Quelle: Swissolar)

Doch zurück zum Sorgenkind «Fachkräftemangel», wo aber einiges am Laufen ist. So soll ab Sommer 2024 eine EFZ-Berufsbildung an den Start gehen, für den es allerdings noch keinen offiziellen Titel gibt. Als Trägerschaft ist der Verein Polybau vorgesehen, ein Block-Unterricht soll an den Standorten in Uzwil und Les Paccots stattfinden. Die ersten 1.5 Jahre sollen die Lernenden berufsübergreifend gemeinsam mit den fünf anderen Lehrberufen von Polybau ablegen, ehe die gleichlang dauernde Vertiefung in Solartechnik erfolgt. Noch unklar ist die Finanzierung, möglich seien die Einführung eines Berufsbildungsfonds oder die Erhebung eines Bildungsbeitrags bei den Mitgliedern, erklärte Stickelberger. Er appellierte an der Fachtagung an die Praktikerinnen und Praktiker der Solarbranche, möglichst schnell abzuklären, ob sie Lehrstellen anbieten können. Da kommt also zusätzlicher Aufwand auf die stark belasteten Solarfirmen zu, was sich aber mittelfristig sicher auszahlen wird. 

Mehr Fördergeld für Anlagen ohne Eigenverbrauch
Um den Zubau von Photovoltaik-Leistung weiter zu erhöhen, werden ab nächstem Jahr Anlagen mit weniger als 150 kW Leistung ohne Eigenverbrauch mit einer Einmalvergütung von 450 CHF pro kW belohnt. Damit sollte bei günstig erstellten Anlagen etwa die Hälfte der Erstellungs-Kosten abgedeckt sein. Für Anlagen mit mehr Leistung als 150 kW (auch ohne Eigenverbrauch) kommt neu ein Auktionssystem ins Spiel. Potenzielle Anlagenbetreiber können für ihre Projekte ein Gebot für die gewünschte Förderung einreichen, den Zuschlag erhalten die günstigsten Gebote (Preis pro kW). Maximal wird dabei eine Einmalvergütung von 60 Prozent der Kosten von einer Referenzanlage gewährt («Höchstgebot»). Die erste Auktionsrunde soll am 1. Februar 2023 stattfinden, für den Vollzug ist Pronovo zuständig.

Dieser Text ist in der Schweizer Fachzeitschrift HK-Gebäudetechnik erschienen.

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